Mit Vorlesen und Straße fegen gegen die Arbeitsmarktkrise
Morgen, so will „Spiegel Online“ erfahren haben, wird sich das SPD-Präsidium mit einem Vorschlag zur Korrektur der Schröderschen Arbeitsmarktreformen befassen.
Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Hannelore Kraft hat sich da schon mal vorab ihre Gedanken gemacht:
"Wir müssen endlich ehrlich sein: Rund ein Viertel unserer Langzeitarbeitslosen wird nie mehr einen regulären Job finden",
zitiert sie der „Spiegel“ in seiner morgigen Printausgabe.
Betrachten wir die Äußerungen einmal genauer. Wenn man ihren Appell „endlich ehrlich (zu) sein“ richtig interpretiert, kann das doch im Umkehrschluss wohl nur bedeuten, dass uns die Politik zumindest nach ihrer Meinung hinsichtlich der Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt, ihrer Bemühungen der Bekämpfung des Elends der Massenarbeitslosigkeit bzw. ihrem eigenen Willen oder der Fähigkeit zur Steuerung der Arbeitsmarktpolitik jahrelang bewusst hinter die Fichte geführt hat. Ist das wirklich deine Sicht der Dinge, Genossin Kraft?
Wenn die Spitzenkandidatin der SPD bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen sagt, “rund ein Viertel unserer Langzeitarbeitslosen wird nie mehr einen regulären Job finden", ist das nicht die Ansage, diese Menschen am Ende weitgehend untätig ihrem Schicksal überlassen zu wollen? Vom politischen Ziel, der Integration in den ersten Arbeitsmarkt hat sich die Genossin Kraft damit zumindest verabschiedet. Sie will die Erwerbslosen stattdessen für einen „symbolischen Aufschlag auf die Hartz-IV-Sätze“ , der ohne Mehrkosten für den Staat realisierbar sei, Vorlesestunden in Altenheimen, Hand- und Spanndienste in Sportvereinen oder die Reinigung öffentlicher Straßen als „würdevolle Perspektive“ verordnen. Beschäftigungstherapie statt bezahlter Arbeit und Sicherung des Lebensunterhalts aus eigener Kraft – das Modell Kraft. Eine wirklich würdevolle Perspektive für die Betroffenen und ihre Familien sieht zumindest nach unserem Verständnis sozialdemokratischer Grundwerte anders aus! Würde definiert sich über den Lohn der Arbeit. Guter Arbeit, wie die SPD Nordrhein-Westfalen auf ihrer Homepage schreibt. Wer von entlohnter Tätigkeit ausgrenzt, verstößt damit ebenso gegen die Würde, wie derjenige, der unter Zuhilfenahme einer verfehlten Gesetzgebung Menschen in minderwertige Beschäftigung presst und wie die politische Mehrheiten in unserem Land, die für eine solche Ausbeutung täglich im Bund und in den Ländern Flankenschutz geben.
Kraft bedient mit ihrem Aufschlag unter dem Deckmantel Gutes für die Gesellschaft und die Hartz IV-Empfängerinnen und -Empfänger tun zu wollen, subtil genau jene tumben Vorurteile, die sich Westerwelle mit seiner Hetzkampagne in den letzten Wochen politisch zu Nutze machen wollte. Sie erweckt den Anschein, Langzeitarbeitslosen eine Perspektive bieten zu wollen, befeuert jedoch in Wirklichkeit vor allem die Lufthoheit über den Stammtischen. Auch wenn sie Westerwelle das Erstgeburtsrecht zur Dienstpflicht von Erwerbslosen nicht mehr streitig machen kann, ist sie ihm in einem auf jeden Fall weit voraus: Der will die Arbeitslosen nur zum Schneeräumen einsetzen. Geht es nach der Genossin Kraft, sollen sie das ganze Jahr für Sauberkeit auf Deutschlands Straßen sorgen.
Dass es den Erwerbslosen nicht an Bereitschaft mangelt, jeden Job anzunehmen, belegt ein Beispiel aus Berlin. 25.000 erwerbslose Berlinerinnen und Berliner haben sich lt. taz im vergangenen Monat innerhalb weniger Tage bei der Arbeitsagentur für 650 Stellen zum Schneeräumen beworben. Es fehlt nicht an der Bereitschaft, es fehlt an Arbeit. Hunderte von Milliarden Euro ohne jede Gegenleistung in einem parteiübergreifenden Konsens zur Rettung für die von Zockern vor die Wand gefahrenen Banken, keinen Cent für den Arbeitsmarkt. Fällt unserer Parteispitze da wirklich nicht mehr ein, als Ehrenurkunden oder ein Frühstücksgutschein für erzwungene Vorlesestunden im Altenheim?
Wir brauchen für die notwendigen Aufgaben im Sozialbereich und bei den kommunalen Diensten ordentliche Jobs, von denen die Menschen leben können und keine Kraftschen Modelle, die vorhandene Arbeitsplätze gefährden. Die Klassengesellschaft wird im Bildungsbereich immer deutlicher. Immer mehr kulturelle Einrichtungen fallen ebenso wie soziale Projekte sowie Sport- und Freizeiteinrichtungen infolge der kommunalen Finanznot dem Rotstift zum Opfer. Die Armut wächst. Die politische Forderung der Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen ist längst nicht mehr als eine inhaltsleere Phrase. Auf den gesellschaftlichen Gegenentwurf unserer Partei für eine gerechte Gesellschaft in praktischer Ausgestaltung des Sozialstaatsgebots unserer Verfassung, warten wir hingegen weiter, während die Spitzenkräfte offenbar täglich bemüht sind, die Distanz zu ihrer verloren gegangenen Stammwählerschaft noch weiter zu vergrößern.
Seit Schröder, Clement und Co. mussten Arbeitnehmerinnen, Arbeitnehmer und Erwerbslose erkennen, dass es nicht nur die anderen (CDU, FDP) sind, die ihnen ans Leder gehen. Die SPD hat für ihre sogenannten Reformen in der Folge vielfach die Quittung erhalten. Will Kraft diese Linie fortsetzen und bettelt mir ihrem Aufschlag um die nächste Abfuhr des Wählers? Oder ist sie einfach näher bei Clement, als bei der Lebensrealität der Menschen in ihrem Land?
Vielleicht tun wir der Genossin Kraft ja mit unserer Kritik an ihren Äußerungen auch bitter Unrecht, weil sich dahinter angesichts der jüngsten Meinungsumfragen zu den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen in Wirklichkeit eine ganz raffiniert ausgeklügelte Strategie verbirgt. Hannelore Kraft will nicht nur Juniorpartnerin in einer großen Koalition werden. Gut so! Sie will Ministerpräsidentin werden. Und das geht auf der Basis der derzeitigen Umfragen am Sichersten mit Rot-Rot-Grün. Allerdings steht die Linkspartei mit 6 Prozent derzeit noch bedenklich nahe an der Abbruchkante. Also müssen Leihstimmen her. Nun kann man aber der der SPD zuneigenden Wählerin/dem Wähler schlecht sagen, sie/er solle doch diesmal lieber Linkspartei wählen. Also guckt man, wie viel die von der Linkspartei noch brauchen, um satt über die Fünf-Prozent-Hürde kommen und grenzt man mal eben inhaltlich ganz gezielt eine bestimmte Klientel aus, in der Hoffnung, dass die allein darüber schon so erzürnt sind, dass sie auf jeden Fall zur Wahl gehen und aus Protest dann auch das Kreuz noch an der richtigen Stelle machen, damit die Linken es dann auch wirklich schaffen.
Schlauer Plan, hat nur einen Webfehler: Die inflationäre Zahl von Absagen an ein mögliches Rot-Rot-Grünes Bündnis der Genossin Kraft in den letzten Monaten. So bleiben wir am Ende ratlos mit der Frage, was sie beim Spiegel-Interview wohl getrieben haben mag. Vielleicht am Ende doch die Sichtweise von Clement, der sie im April 2001 als Ministerin in sein Kabinett holte und dessen Verdienste „für die SPD“ sie bei seinem von ihr bedauerten Parteiaustritt im November 2008 lobte.











... ist Hannelore Krafts Vorschlag.
"Wenn man ihren Appell „endlich ehrlich (zu) sein“ richtig interpretiert, kann das doch im Umkehrschluss wohl nur bedeuten, dass uns die Politik zumindest nach ihrer Meinung hinsichtlich der Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt, ihrer Bemühungen der Bekämpfung des Elends der Massenarbeitslosigkeit bzw. ihrem eigenen Willen oder der Fähigkeit zur Steuerung der Arbeitsmarktpolitik jahrelang bewusst hinter die Fichte geführt hat."
Genau so ist es. Ein Viertel der Arbeitslosen wird keinen Job auf dem regulären Arbeitsmarkt finden, weil keiner ihre Arbeit bezahlen will oder kann. Dass sie jahrelang hinter die Fichte geführt wurden, wissen die Hartz IV-Empfänger ganz genau. Und sie müssen auch mit dem Ergebnis leben: Beschimpfungen und Diffamierungen von allen Seiten. Denn wenn der Gesellschaft vorgelogen wird, jeder, der wolle, könnte sofort Arbeit bekommen, dann ist die logische Konsequenz, dass der, der eben keine Arbeit ergattern kann, entweder zu faul oder unfähig ist, also selbst dran schuld.
Da ist die Arbeit aber. Es will oder kann sie nur keiner bezahlen. Also kann der Staat diese Arbeit, die eigentlich unbedingt getan werden müsste, auch an Leute vergeben, die sonst Hartz IV-Empfänger wären.
An dieser Stelle ist allerdings ein Punkt von zentraler Bedeutung zu benennen. Nämlich: was ist diese Arbeit wert?
Diese Frage wird ja bei Hartz IV-Empfängern grundsätzlich ausgeblendet.
Rechnen wir mal Pi mal Daumen, dass ein Hartz IV-Empfänger inkl. Miete usw. monatlich 800 EUR bezieht. Rechnen wir das um auf eine 40-Stunden-Woche, so ist das Ergebnis ein Stundenlohn von 5 EUR. Das geht natürlich gar nicht. Eingedenk der Mindestlohndebatte brauchen wir da überhaupt nicht drüber zu diskutieren. Selbst ein Euro drauf gezahlt ergibt dann nur einen Stundenlohn von 6 EUR. Dafür geht der/die einfache Ungelernte noch nicht einmal putzen. Arbeit für Hartz IV-Empfänger kann also nur eine Arbeit sein, die auch ihrem Wert entsprechend entlohnt wird und alles andere ist Sklavenarbeit.
Wenn 1/4 der Arbeitslosen auf dem freien Arbeitsmarkt arbeitslos bleiben wird, so steht m.E. der Staat durchaus ihn der Pflicht, ihnen Arbeit zu beschaffen. Denn ohne dies hier auszuführen: Arbeit ist ein Menschenrecht. Problem: der Staat hat dafür kein Geld - das tanzt nämlich als vagabundierendes Kapital auf den Finanzmärkten herum.
Immerhin macht der Staat, also unsere Gesellschaft, also wir, ein Geschäft, wenn er denjenigen, denen er sowieso Stütze zahlen muss, dafür auch Arbeit beschafft. Zu angemessener Entlohnung - siehe oben. Was auch ohne weiteres möglich ist, denn der Monatslohn bestimmt sich bekanntlich aus zwei Faktoren: Stundenlohn mal Stunden. Wessen Arbeit 10 EUR wert ist, der hat dann als Hartz IV-Empfänger eben nur eine 20-Stundenwoche. Ich sehe da grundsätzlich kein Problem - vor allem dann nicht, wenn es auch das eine oder andere Stündchen mehr sein darf, entsprechend der eine oder andere Euro mehr in der Tasche.
Ein Geschäft macht aber auch der - vormalige - Hartz IV-Empfänger. Denn, was kann der Staat ihm nehmen, wenn er sein Hartz IV selber verdient? Seine Ersparnisse? Sein Auto? Seine angeblich zu große Wohnung? Mit welchem Recht? Mit welchem Recht kann er ihm dann auch hinterher spionieren und ihm den Satz kürzen, weil er in seinem Badezimmer eine zweite Zahnbürste gefunden hat? Ein Hartz IV-Empfänger, der sich seinen Hartz IV-Satz selber verdient, muss notwendigerweise auch alle Rechte haben, die auch jeder normale Arbeitnehmer hat, der sich seinen Lebensunterhalt selbst verdient, denn beide tun genau das gleiche.
Ein Geschäft machen aber auch die sogenannten Niedriglohner. Denn warum, bitte schön, sollte eine Friseurin die - fiktiv und bequem zu rechnen angesetzt - für 10 Euro die Stunde Sozialhilfeempfänger in Heimen frisieren geht, die sich von ihrem Taschengeld keinen Friseurbesuch leisten können, für 5 Euro die doppelte Zeit arbeiten, um dasselbe zu erhalten? Dafür, dass Menschen das trotzdem tun, gibt es nur einen einzigen Grund: die Freiheit. Hat ein arbeitender Hartz IV-Empfänger aber das, was ihm zusteht, nämlich die gleiche Freiheit wie jeder andere Arbeitnehmer auch, dann fällt auch dieser Grund weg.
Richtig verwirklicht kann also dieser Vorschlag durchaus als das notwendige Korrektiv zum von Schröders Politik bewirkten Lohndumping führen. Im Zweifel besser als jeder Mindestlohn.
Um es nochmals klar zu betonen: Voraussetzung dafür sind aber zwei unveräußerliche Prinzipien: angemessene Entlohnung und volle persönliche Freiheit.