Hartz IV - Zwischenruf!

In Deutschland, so das Ergebnis einer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gestern vorgelegten Langzeitstudie, spielt nicht nur die Arbeitslosigkeit eine Rolle für das Armutsrisiko, sondern auch die Ausweitung des Niedriglohnbereichs in den vergangenen Jahren. Joachim Frick, Co-Autor der DIW-Studie, sieht „auch für Personen mit Erwerbstätigkeit ein zunehmendes Armutsrisiko“ und führt weiter aus, dass seit 1998 (da war doch was?) insbesondere das Armutsrisiko kinderreicher Familien „beträchtlich gestiegen“ sei.

Das Elend liegt also sowohl in nicht angemessenen Hartz IV-Regelsätzen wie auch bei den Löhnen in Deutschland. Wenn „Arbeit so billig wie Dreck“ wird, wie es der frühere IG-Metallvorsitzende Jürgen Peters einmal formulierte, dann ist etwas faul im Staate. Da mag man die Gier der Unternehmer beklagen, die über Dumpinglöhne ihre Gewinne zu maximieren suchen oder durch Schmutzkonkurrenz über den Preis der Arbeit den Wettbewerb zu ihren Gunsten entscheiden wollen, die letztendliche Verantwortung für das Elend liegt jedoch allein im Feld der Politik. Deren Aufgabe ist es, in praktischer Ausgestaltung des Sozialstaatsgebots unserer Verfassung solche Entwicklungen durch angemessene Spielregeln zu unterbinden. Genau in diesem Feld hat die Politik in den zurückliegenden ihren Verfassungsauftrag ignoriert und umfassend versagt.
 
Wenn Arbeit sich nicht mehr „lohnt“, liegt das nicht an mangelnden Anreizen für Hartz IV-Empfängerinnen und –Empfänger, diese Erkenntnis sollte endlich flächendeckend in unserer Partei Platz greifen. Vielmehr war es die Entfesselung des Arbeitsmarktes die dazu geführt hat, dass immer mehr Menschen heute gezwungen werden jeden Job zu fast jedem Lohn anzunehmen. Die Voraussetzungen für die inflationäre Ausweitung von Billigjobs, Leiharbeit, Minijobs, befristeten Arbeitsverhältnissen sowie verschärfte Zumutbarkeitsregeln wurden den Unternehmen durch eine sozialdemokratisch geführte Bundesregierung geliefert. Den Profit daraus haben Unternehmen und Kapitalbesitzer ohne jede Gegenleistung einsacken können.  Die Erosion des sogenannten Normalarbeitsverhältnisses zugunsten prekärer Beschäftigung u.a. durch Leiharbeit, Minijobs, befristete Arbeitsverhältnisse ist das bedrückende Ergebnis der Regierung Schröder. Für die negativen Folgen für Millionen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern tragen wir die Verantwortung.  Wer glaubt, auf einer rasanten Schussfahrt ins Tal durch die Lockerung aller Bremsen noch schneller ans Ziel zu kommen, darf sich nicht wundern, wenn er am Ende aus der Kurve fliegt.
 
Natürlich ist die fortgesetzte Hetzerei von Westerwelle in der aktuellen Hartz IV-Diskussion unerträglich. Für die Wiedergewinnung alter Stärke reicht der SPD die politische Auseinandersetzung darüber allerdings ebenso wenig aus, wie die gebetsmühlenartige Wiederholung der Tatsache, dass die anderen ja noch viel schlimmer sind. Die schonungslose Auseinandersetzung mit eigenem Handeln und das Eingeständnis furchtbarer Fehlsteuerungen sind ebenso wie ein darauf aufbauender wirklicher sozialdemokratischer Gegenentwurf einer solidarischen Gesellschaft überfällig und für eine Machtoption jenseits des konservativen Lagers und die moralische Begründung unseres Führungsanspruchs in einem solchen Bündnis unverzichtbar.
 
Wie lange wollen wir uns noch darum herumdrücken?

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Diffamierunsgkampagne


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Leserbrief zu „Richtig im Falschen“ von Giovanni di Lorenzo, Die ZEIT vom 18.2.2010, Seite 1
 
Abgesehen davon, dass der von Adorno entlehnte Titel eine Verballhornung ist (nach Adorno gibt es nichts Richtiges im Falschen), bin ich entsetzt, einen solchen Text in der Zeit, noch dazu vom Chefredakteur di Lorenzo zu lesen. Wenn das die Linie der ZEIT, ihr Verständnis von Liberalismus, ist oder wird, ist sie nicht mehr meine Zeitung.
 
Seit den 1980er Jahren ist über mehr als 20 Jahre hinweg eine Diffamierungskampagne gegen die Arbeitslosen geführt worden (Faulenzer, soziale Hängematte, Sozialschmarotzer) mit dem Ergebnis der Agenda 2010 einschließlich Hartz IV, Schaffung eines Niedriglohnsektors und Entfesselung des Arbeitsmarktes.
 
Wir haben nun das Jahr 2010, und schon tritt Westerwelle erneut eine solche Kampagne los. Das geschieht nicht nur aus durchsichtigen Wahlgründen im Hinblick auf die Landtagswahl in NRW im Mai 2010, sondern es steht zu befürchten, dass dahinter ein langfristiges Konzept weiteren Sozialabbaus steckt. Der Chefredakteur der ZEIT aber glaubt, nur Westerwelles Ton, nicht seine Argumente kritisieren zu müssen. Sieht Herr di Lorenzo denn wirklich nicht, dass das Problem nicht der „Leistungsbetrug“ von Hartz IV Empfängern ist und auch nicht das angebliche Desinteresse der „Leistungsbezieher“ an der Aufnahme einer Arbeit, sondern die mangelnde Perspektive, die Arbeitslose heute auf dem Arbeitsmarkt haben. Was für Arbeitsverhältnisse werden ihnen denn angeboten: Leiharbeit, Niedrigstlöhne (3,85 €uro pro Stunde für Raumpflegerinnen in Hotels), Minijobs, die zum Leben nicht reichen. Wollen Herr Westerwelle, seine FDP, der BDI und die Großindustrie die Kosten der Arbeit noch immer weiter senken? Eine Profitrate von 25% nach dem Vorbild der Banken  auch im produzierenden Gewerbe und Dienstleistungssektor durchsetzen? 11,4 Millionen Bürger (14% der Einwohner Deutschlands) sind schon heute von Armut bedroht oder leben unter der Armutsgrenze; die Arbeitslosenunterstützung ist in vielen Ländern Europas höher als in Deutschland; in fast allen europäischen Ländern gibt es einen  Mindestlohn, nur in Deutschland muss er Branche für Branche mühsam durchgesetzt werden, und dann wird oft noch dagegen vor Gericht geklagt (Beispiel Postkonkurrenten).
Themen noch und noch, die die ZEIT aufgreifen müsste (ganz abgesehen von den Hunderten Milliarden, die die Steuerzahler den erpresserischen Banken zur Abwendung der angedrohten „Systemkrise“ gezahlt haben). Herr di Lorenzo trägt stattdessen dazu bei, dass aus der Westerwelle der nächste Tsunami wird. Einen hatten wir schon (von Kohls Zeitenwende bis zur Agenda 2010). Was kann, was soll da noch kommen?
 
Deutschland, bleiche Mutter, was ist aus Dir geworden, was soll noch aus Dir werden?
  
Prof. Dr. Werner Fricke

 

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