Sozialdemokratische Werte – Gelten sie nur, wenn’s gerade passt?

Diskussionen um die Grundwerte der Sozialdemokratie haben etwas Erhellendes – ebenso wie die Aufforderung, sich energisch bei Verstößen gegen Parteitagsbeschlüsse oder Grundwerte zu Wort zu melden. Da verlässt viele ganz schnell die Courage, die sie in interner Runde noch ganz vehement demonstriert haben. Entweder, weil sie sich dann damit entschuldigen, man könne ja sowieso gegen die da oben nichts machen, oder aber, weil sie sich angesichts des x-ten Geschlossenheitsappells nicht trauen, vor der alles entscheidenden Wahl ( der Termin ist austauschbar, irgendwo sind ja immer Wahlen) als Spielverderber oder gar als Ursache für die Niederlage dazustehen. Übrigens befällt Vertreter ganz bestimmter Flügel oder Kreise diese Hemmung so gut wie überhaupt nicht.

Auch Clement wurde da ja kein eindeutig parteischädigendes Verhalten vorgeworfen. Jedenfalls lässt sich das Phänomen der sozialdemokratischen Beißhemmung vor allem links von Seeheim beobachten. Das gilt für viele Mandatsträger auf kommunaler, aber auch auf Landes- und Bundesebene. Da wachsen der Druck und die selbst verordnete Disziplin gegenüber dem größeren Ganzen, je mehr sich das Gesamtprojekt auf einer abschüssigen Ebene befindet und je mehr es an Tempo gewinnt. Paradebeispiel Schuldenbremse. Ein Beschluss, der an volkswirtschaftlicher Dummheit und an Ignoranz gegenüber den eigenen GenossInnen in der Kommunalpolitik kaum noch zu überbieten war – und trotzdem blieb der Aufstand aus. Weitgehend couragefrei agieren aber auch die meisten derjenigen, die über eine Anstellung bei der Partei oder bei einem Mandatsträger noch am Beginn ihrer politischen Karriere stehen. Gefragt sind da eher Stromlinienförmigkeit, der Verzicht auf eine eigene, womöglich noch kritische Meinung und demonstrative Geschlossenheit. Oder aber man sucht sich eine rein theoretische Spielwiese, die von den Altvorderen toleriert wird. Man war ja schließlich auch mal jung. Und ein bisschen Sandkastenspiele haben ja noch nie geschadet, solange man nicht die ex-Cathedra verkündete Linie öffentlich anzweifelt. Wie soll es da noch zu einer breiten und solidarisch-kritischen Auseinandersetzung oder gar zu einem Ringen um Konzepte für eine sozialere Gesellschaft kommen? Wo darf man da noch die eigene Politik kritisch auf den Prüfstand stellen, womöglich darauf hinweisen, dass eine Reihe von derben Wahlniederlagen und die Halbierung der Mitgliederzahlen nicht gerade für erfolgreiches Wirken sprechen?
Wir brauchen wieder diese Auseinandersetzung, wollen wir nicht endgültig zum Wahlverein oder zum Sammelorganisation für Werbeagenturhonorare verkommen. Und wir brauchen auch die kritische Auseinandersetzung mit den Aktivitäten unserer Mandatsträger. Vielleicht sollte man sie gelegentlich mal daran erinnern, dass sie mit einem Auftrag ihrer Basis in diese Ämter gewählt worden sind und dass es die Genossinnen und Genossen an der Basis waren, die mit ihrem Engagement an Infoständen, beim Plakate kleben und bei der Organisation von Veranstaltungen dazu beigetragen haben, dass sie jetzt diese Mandate ausüben. Auch wenn es nicht um ein imperatives Mandat gehen kann und sollte, so muss doch klarer sein als derzeit, dass das Wort Mandat mehr mit geben als mit nehmen zu tun hat. Erstaunlicherweise scheinen da gerade Sozialdemokraten häufig die Bodenhaftung zu verlieren und zu glauben, das Ganze sei nur ihr Verdienst und der Posten stehe ihnen einfach zu. Wie sonst könnten Sozialdemokraten häufiger als Mandatsträger anderer Parteien mal eben eine ganze Landtagsfraktion wie in Hessen oder Schleswig-Holstein offen oder anonym über die Klinge springen lassen, KollegInnen die Wiederwahl verbauen oder gar dem politischen Gegner in die Hände spielen. Das geht eigentlich nur, wenn einem die Werte, die Mitglieder dieser Partei seit über 140 Jahren eint, schnurzpiepegal sind, solange es um die eigene Befindlichkeit und um die eigene Karriere geht. Wie sonst könnte eine Landtagsabgeordnete wie Swantje Hartmann in Niedersachsen nach zugegegenermaßen unverständlichen und üblen parteiinternen Auseinandersetzungen sich nicht nur aus der Fraktion verabschieden, sondern auch noch ihr Parteibuch gegen das der CDU austauschen und ohne Probleme in der CDU-Fraktion weitermachen. Das ist nicht nur Verrat an den Genossinnen und Genossen, die dafür gearbeitet haben, dass „ihre“ Abgeordnete in den Landtag einzieht und Verrat am Wähler, der ja auch für ein bestimmtes politisches Konzept gestimmt hat. Es ist auch ein deutliches Zeichen dafür, dass man nicht wegen ganz bestimmter Ziele und Werte dieses Mandat ausübt, sondern aus purem Karrieredenken. Wie sonst könnte man sich genau der Partei anschließen, die das Gegenteil dessen macht, was man bisher politisch vertreten hat und das auch noch qua Mehrheit im Land umsetzt. Ist die Forderung nach gerechteren Zugängen zu Bildung, zum Wegfall der Studiengebühren oder zur Einrichtung von mehr Gesamtschulen plötzlich falsch, weil sie nicht mehr in die eigene Karriereplanung passt? Kann man plötzlich eine unmenschliche Abschiebepolitik verteidigen oder die Aufweichung bürgerlicher Freiheitsrechte, weil man auf bessere Posten und die nächste Stufe auf der Karriereleiter setzt?
Das geht nur, wenn MandatsträgerInnen sich nicht mehr um diejenigen scheren müssen, die sie einst entsandt haben und wenn die Basis nicht mehr ist als ein Akklamationsverein, der nur dann gebraucht wird, wenn es um die Mandate geht. Solange die Basis nicht wieder mehr beteiligt ist, gibt es für die MandatsträgerInnen keinen Grund, sich um Grundwerte und die Meinung von denen da unten zu scheren.

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Die stärkste Kraft wird übersehen


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... auch von Dir, Michael.
Vor nicht allzu langer Zeit drückte ein Medienunternehmer, der wohl mal reinriechen wollte in die Diskussionen innerhalb der Basis, im spd.net, fühlbar sein Entsetzen über das aus, was dort abläuft. Er meinte, das habe er nicht erwartet. Was er da sähe, das wäre kein Konflikt, dass wäre ein tiefer Riss durch die Partei. Und da gebe ich ihm vollkommen Recht.
Er hat weitaus mehr Recht, als die "Politikexperten zum Bundestagswahlkampf", die sich heute in den aktuellen Nachrichten der Tagesschau fanden. Dort las ich - inzwischen arg gekürzt - Analysen, wonach die SPD ratlos sei, aber weitgehend einig, denn die gewohnten Flügelkämpfe hätte die Parteiführung besiegt. Das hat mich erschreckt. Und ich fragte mich, was sind das für Politikexperten? Die haben doch, ebenso wie zahllose Politiker, jeglichen Kontakt zu den realen Tatsachen völlig verloren! Es ist klar, dass solche Experten plötzlich einen Schlag vor den Kopf bekommen, wenn sie urplötzlich mitten in der Wirklichkeit stehen.
Die treibende Kraft in diesem Konflikt, der m.E. bisher von allen Politikexperten und Analytikern noch nicht einmal zur Kenntns genommen wird, sind nicht mehr oder minder ideologische Parteiflügel - tatsächlich sind alle Parteiflügel davon betroffen, soweit es um die Basis geht - nicht einzelne Personen mit ihren Fans und auch nicht irgend welche Ideologien, noch nicht mal die Suche nach verloren gegangenen Werten und Idealen, die treibende Kraft sind die Wähler. Genau die ehemaligen Stammwähler, die heute nicht mehr zur Wahl gehen. Für die Analytiker ist das eine unbekannte rein statistische Größe. Aber für uns an der Basis, und das merkt man ganz besonders im Wahlkampf, sind sie das aber nicht. Das sind alte Freunde, Bekannte, Verwandte gar, Freunde der Kinder, Kunden und Verkäufer in Läden und Restaurants, Leute, die man vielleicht nur von der Haltestelle kennt, weil die immer auch zur gleichen Zeit zur Arbeit fahren. Ich denke, das wird bei den Gewerkschaften an der Basis, bei den Betriebsräten, nicht anders sein: die können die Kollegen auch alle noch mit Handschlag begrüßen. Diese einst zuverlässigen alten Stammwähler, unter denen sich sogar hier und da ein ausgetretener Genosse befindet, die nehmen kein Blatt vor den Mund. Die sagen klipp und klar, die SPD ist nicht mehr meine Partei, und so lange die sich nicht ändert, wähle ich die nicht. Zack. Bleiben zu Hause. Wenn viele auf die Linke starren - das ist umsonst. Wir verlieren paar Wähler an die Grünen, paar an die Linken, paar werden wir an die Piraten verlieren, aber der klassische SPD-Wähler, der wählt nix anderes, der bleibt zu Hause. Da gibt es auch nichts, was ihn davon abhalten kann. Das Schreckgespenst Schwarz-Gelb? Schreckt ihn nicht. Diese SPD da, die kann viel erzählen. Die machen das doch genau so! Was soll denn da noch schlimmer werden? Und wenn es noch schlimmer wird, dann würde es auch mit der SPD noch schlimmer werden.
Die vertrauen uns nicht mehr. Das heißt, uns an der Basis, wenn wir nicht die Parteiparolen nachquatschen, die sie nicht hören wollen, wo sie einfach nur abwinken und weggehen, uns vertrauen sie schon. Aber sie wissen eben auch, dass unser Wort in der Partei nichts zählt. Dass wir "die da oben" nicht beeinflussen können.
Es sind keine einzelnen, isolierten Wähler, die uns da kommen. Das sind riesige miteinander verbundene unüberschaubare Netzwerke, und in irgend eines dieser Netzwerke sind wir selber eingebunden. Doch während wir im Alltag die verächtlichen Worte über die degenerierte SPD nur bruchstückweise hören, kommen die im Wahlkampf alle zusammen. Gegen die vorgegebenen Werbesprüche setzen die ganz einfach Tatsachen, unmittelbare Erfahrungen von ihrem Leben und dem ihrer Freunde und Verwandten - dagegen lässt sich nicht argumentieren, denn es ist erlebte Wahrheit. Längst ist die Verteidigungslinie der Berliner, falls sie je wirklich stabil war, an der Basis zusammen gebrochen. Es ist alles leeres Gerede. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Der tiefe Riss durch die Partei, das ist der Riss zwischen politischer Illusion und Lebenswirklichkeit.
Und aus ihm heraus fließt die Erkenntnis, dass wir das uns drohende Wahlergebnis verdient haben.
Als solches wird es akzeptiert. Aber es wird akzeptiert als das Urteil der mit uns verbundenen Bürger: das ist nicht mehr die SPD, die unsere Partei war. Und das Parteivolk kippt längst und sagt, jo, stimmt.
Woraus der zunehmend stärkere Wille entsteht, genau das zu ändern: die Partei zu ändern.
Dieser Wille bekommt auch noch Schub: denn einmal entschieden, ist man plötzlich wieder da, wo man immer hingehören wollte: mitten unter den Menschen, den Bürgern, den kleinen Leuten, eingebettet in ihre Wärme, ihre Menschlichkeit, ihren Realitätssinn. Wieder angekommen in der Wirklichkeit unserer Gesellschaft.
Es sind nicht nur Genossen aus der Basis, die im Kontakt mit den Bürgern die Bodenhaftung wieder finden. Man sollte nicht unterschätzen, wie weite Kreise das vielleicht schon zieht.
Es scheint normal zu sein, dass manche nicht in der Lage sind, so etwas zu sehen, zur Kenntnis zu nehmen. Ausbrüche aus dem Volk lassen diejenigen, die bis zur letzten Minute glauben, alles unangefochten ruhig und sicher im Griff zu haben, bis auf paar Verrückte, mit denen man problemlos fertig wird,  stets fassungslos und geradezu belämmert zurück.

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