Offener Brief eines Genossen an den Parteivorsitzenden
Lieber Genosse Sigmar,
bist Du ansprechbar, ansprechbar auf die Causa Sarrazin? Ich habe große Zweifel, denn man hört Dich nur Schweigen, wenn die Rede auf das vereitelte Parteiausschussverfahren kommt. Vor Monaten noch warst Du redselig: Der rassistisch anmutende Pseudo-Genetiker sollte in unserer Partei keinen Platz mehr haben. Zu Recht geißeltest Du Sarrazin, dass dieser keine Integrationsdebatte, sondern eine Selektionsdebatte führt. Konsequenz: Thilo Sarrazin kann in der SPD nicht geduldet werden.
Du wärest indessen nicht Sigmar Gabriel, kämest Du ohne jähen Debattenwechsel daher. So wie ich Dich kenne, bin ich ganz gewiss: Das Drehbuch „Sarrazin kann bleiben und keiner denkt sich was dabei“ hast Du geschrieben. Andrea Nahles, die Du ohnehin noch nie mochtest, wurde zur Dreckarbeit abkommandiert. Nicht Du, der, gut geplant, Urlaub machte, sondern die überforderte Generalsekretärin musste erklären, was nicht mehr zu erklären ist: Unsere Partei darf einen verhaltensgestörten Rechtsradikalen nicht ausschließen.- Einen Genossen, dessen Thesen gierig von der NPD aufgenommen worden sind. Mit Verweis auf die Autorenschaft. Jetzt können die Neonazis behaupten: Ihr und Sarrazins Gedankengut werden in der SPD akzeptiert.
Lieber Sigmar, es war schon schwer zu ertragen, wie meinungslos die SPD in den vergangenen Monaten agierte. Die Wähler haben nicht honoriert, dass uns zur Atomkraftwerkkatastrophe in Japan, zu Stuttgart 21 und dem mörderischen Diktator in Libyen nicht viel eingefallen ist. Glaubst Du, dass Du mit dem Verbleib des Rassentheorektikers die Wahlen in Berlin gewinnen kannst? Und falls es so käme: Ist das nicht ein hemmungsloser Populismus? Es ist beispiellos (selbst unser SPD-Superveränderer Gerhard wird staunen), wie schamlos Du und andere Spitzengenossen damit umgehen. In Niedersachsen, wo dieSPD sowieso nicht mit erlauchtem Spitzenpersonal gesegnet ist, folgte man jetzt Deiner Devise „Sarrazin bleibt, der Unmut darüber vergeht!“ Nicht besonders intelligent, versteigt sich Landtagsfraktionsvorsitzender Stefan Schostok sogar in die Formulierung, das Ausschlussverfahren sei ein Fehler gewesen.
Lieber Stefan, eine solche Erklärung lässt die Vorstellung Platz greifen, dass Deine Tage in der Partei gezählt sein könnten. Das aber wirst Du, lieber Sigmar nicht zulassen. Denn in unserer Partei kann künftig jeder zu allem was sagen.
Bis eines nicht fernen Tages keiner mehr weiß, für welche Themen und Forderungen diese einst stolze Partei sich einsetzt. Wer weiß: Vielleicht hat unser Thilo mit seinen strammen Parolen dann Deinen Job übernommen. – Weil Dich keiner mehr verstanden hat...
Lieber Sigmar, Du wirst Dich kaum an mich erinnern. Vor zwölf Jahren erlebte ich Dich zum ersten Mal. Ein Machtpolitiker? Ja! Aber ohne den dazugehörigen Instinkt. Das macht Dich nicht schlecht, nach Deiner Sarrazin-Rettung freilich als Sozialdemokrat überflüssig.
Es bleibt mir ein letzter Versuch, lieber Siggi: Wer muss gehen? Henry oder Thilo? Der neo-wilhelminische Sarrazin oder der sozialdemokratisch-radikale Prätsch?
In Erwartung einer raschen Entscheidung (Dein Markenzeichen sind doch Schnellschüsse) mit sozialdemokratischen Grüßen von
Henry Prätsch











