Politik macht Umfragen. Oder umgekehrt?

 
Man hat sich daran gewöhnt wie auch an die absurden „Konsumklima“- Ergebnisse der GfK: die wöchentlichen Meinungsumfragen von Stern und Forsa. Und tatsächlich haben beide etwas gemeinsam, sieht man von der grundsätzlichen Einschätzung ab, dass Kaffeesatzlesen dagegen eine höchst seriöse empirische Untersuchungsmethode ist. Mit beiden wird bewusst und gezielt Politik gemacht oder das politisch gewünschte Verhalten und die Meinung der Menschen beeinflusst.

 
Man hat sich daran gewöhnt wie auch an die absurden „Konsumklima“- Ergebnisse der GfK: die wöchentlichen Meinungsumfragen von Stern und Forsa. Und tatsächlich haben beide etwas gemeinsam, sieht man von der grundsätzlichen Einschätzung ab, dass Kaffeesatzlesen dagegen eine höchst seriöse empirische Untersuchungsmethode ist. Mit beiden wird bewusst und gezielt Politik gemacht oder das politisch gewünschte Verhalten und die Meinung der Menschen beeinflusst. So ist zum einen das penetrante „Deutschland im Kaufrausch“- Gejubele der GfK bestens geeignet, die miserable Lage von einem Drittel der Gesellschaft zu verkleistern und die regierungsamtliche Propaganda vom XXL – Aufschwung für alle dank der weisen Politik unserer Regierung zu stützen. So ist aber auch zum anderen das wöchentliche Spielchen mit Zahlen des EX-SPD Auguren Güllner ein nur allzu durchsichtiges Unterfangen, mit „gewichteten“ Ergebnissen im Sinne des politisch-wirtschaftlichen Mainstreams selbst Politik zu beeinflussen bzw. im Sinne weiterer zahlungskräftiger Kunden zu operieren. Und dabei jedes Mal mit verkaufsfördernden Schlagzeilen bei den üblichen neoliberal bis reaktionär aufgestellten Medien in die Kategorie der Top-News gehoben zu werden. Wobei man sich natürlich grundsätzlich fragen könnte, ob Veränderungen von gerundeten Einprozentwerten Woche für Woche die Zeilen wert sind, die damit gefüllt werden.
Bemerkenswert sind aber nicht nur die Abweichungen zu anderen Instituten, die der seit dem Ende der Geschäftsbeziehungen in inniger Abneigung mit der SPD verbundene Güllner mit schöner Regelmäßigkeit produziert. Bemerkenswert sind auch die Interpretationen, die er dazu liefert und die er auf der Grundlage von einem Prozent Zuwachs oder Verlust vornimmt. Da warnt er beispielsweise ganz aktuell die SPD vor den Folgen der gescheiterten Hartz IV Verhandlungen oder er schätzt eine Koalition mit der FDP in Hamburg als „vorteilhaft“ ein. Wetten, dass bei der nächsten Forsa-Umfrage die SPD wieder einen Punkt nach unten gerechnet wird? Und ebenso wenig verwunderlich ist, dass die FDP ausgerechnet in Hamburg wieder bei 5 Prozent angekommen ist, tatsächlich aber in tiefer Bedeutungslosigkeit dahindümpelt. Wäre da nicht eine ebenso profillose wie gutaussehende Trägerin eines gelben Friesennerzes zur neuen Hoffnung der FDP in der Hansestadt von interessierten Medien gekürt worden. Und wäre da nicht die Chance, einen rot-grünen Neubeginn in Hamburg zu sabotieren? Keine Überraschung ist dabei, dass die üblichen verdächtigen Meinungsführerinnen Friede Springer, Liz Mohn und Patricia Riekel über ihre Postillen dafür sorgen, die Fiesennerz-Frau aus dem Nobelvorort Blankenese zur neuen Hoffnungsträgerin der FDP zu küren.  Beides ist ziemlich durchsichtig und beides hat nur einen Hintergrund: Die SPD vom angeblichen Linksschwenk abzuhalten, die Güllner und seine Verbündeten seit der Aufarbeitung des Wahldebakels von 2009 immer wieder ausmachen.
Das passt natürlich auch in die hinlänglich bekannte Unterbewertung der SPD, die Forsa seit geraumer Zeit systematisch in seinen Umfragen veröffentlicht. Während alles anderen Institute beispielsweise in den letzten drei Wochen die SPD in einem Korridor von 25 – 28 Prozent sahen, musste Forsa mit einem neuen Tiefstwert von 22 Prozent für selbstgebaute Schlagzeilen sorgen. Das passt in Güllner Erklärungsmuster, die SPD sei seit der Klausur in Potsdam in alte Umverteilungspositionen zurückgefallen. Und das beweisen ja seine Zahlen. Da ging’s nämlich von 25% Stück für Stück wieder runter auf 22 Prozent, während sich parallel die FDP wieder von 3 auf 5 Prozent verbessert. Sind die reumütig von der bösen Umverteilungs-SPD wieder zur FDP zurückgekehrt?
Sobald der eifrige Politikerklärer die Gefahr wittert, die SPD könnte sich programmatisch zu sehr erneuern und sich von neoliberalem Unsinn konsequent verabschieden, also auch Wähler zurückgewinnen, wird wieder ein Abwärtstrend ausgerufen. Und wenn man dann auch noch den Grüne das Ende ihres Umfragebooms attestiert, die man selbst systematisch mit hochgejazzt hat und nun wieder runter-demoskopiert, dann ist auch die neoliberale Welt wieder in Ordnung. Da kann sich die Kanzlerin ob ihrer Entschlussfreudigkeit und ihres mutigen Einstehens für das Geschäftsmodell der großen Banken und Großkonzerne wieder steigender Beliebtheit und Vertrauens erfreuen. Der drohende Spuk einer rot-grünen Übernahme der Republik, der sich irgendwie am Horizont abzuzeichnen begann, der könnte so bald wieder verschwunden sein. Frau Merkel sitzt trotz Westerwelle wieder fest im Sattel, Forsa und andere Meinungs…. werden prima mit Aufträgen versorgt, auch von Bild, Bertelsmann und den üblichen Verbündeten, die Geschäfte nicht nur der Finanzmärkte gehen weiter prächtig. Warum sollten plötzlich diejenigen, die die große Sause exklusiv bezahlen dürfen, oder die miterleben, wie die soziale Marktwirtschaft und mit ihr die Bundesrepublik ausgeplündert werden, auf die Idee kommen, bei der nächsten Umfrage den Regierungsparteien die Vertrauenswerte zu geben, die sie verdienen? Doch da seien die Demoskopen vor!
Übrigens: Die statistische Fehlerquote liegt bei ca. plus/minus 2,5 bis 3 Prozent pro Umfragewert. Da könnten bei Forsa aus 36 für CDU/CSU und 5 für FDP ganz leicht auch 34 und 3 Prozent gewichtet werden, und statt 22 für SPD und 20 für Grüne ebenso gut 25 (oder 27 wie bei anderen Instituten) und 22 für die Grünen. Und schon wären wir wieder bei 10 Punkten Vorsprung. Wobei wir die Linke noch gar nicht beachtet haben mit regelmäßig um die 9 Prozent. Die entscheidende Botschaft, die uns Güllner und Konsorten ständig unterschlagen: Es gibt für die derzeitige Regierung keine Mehrheit und sie macht weiter systematisch Politik gegen die Mehrheit.
 

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Michael Buckup
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